Stadtboom, Artenvielfalt und Grün

Stadt und Natur – das ist schon lange kein Gegensatz. Im Interview erzählen die NABU-Experten Henry Wilke und Till-David Schade, warum Stadtgrün für Tiere und Menschen in der Stadt wichtig ist und wie man die Akzeptanz der Bürger dafür erhöht. 

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Stadt und Natur – das ist schon lange kein Gegensatz. Im Interview erzählen die NABU-Experten Henry Wilke und Till-David Schade, warum Stadtgrün für Tiere und Menschen in der Stadt wichtig ist und wie man die Akzeptanz der Bürger dafür erhöht.


Immer mehr Menschen zieht es in die Stadt. Ein schlechtes Zeichen für die Natur?

Henry Wilke: Es wäre falsch, Stadt und Natur gegeneinander auszuspielen. Wer in die Stadt zieht, tut dies nicht, um der Natur den Rücken zu kehren. Gründe für den Stadtboom sind eher die schrumpfende und älter werdende Bevölkerung auf dem Land, eine schlechte Infrastruktur und ein nicht zufriedenstellendes Angebot an Arbeitsplätzen. 

Wenn nicht Stadt gegen Natur – wie sieht es aus mit Stadt und Natur: Warum sind Tiere und Pflanzen in der Stadt wichtig?

Henry Wilke: Wenn Tiere und Pflanzen in einer ausreichenden Menge und Artenvielfalt vorkommen, zeigt es, dass der Mensch seine Lebensräume nicht gänzlich zerstört hat und um ihren Schutz bemüht ist. Das gemeinsame Vorhandensein von Tieren und Pflanzen sind auch wichtig, da sie nur miteinander existieren können und gegenseitig voneinander abhängen. Das sieht man am Verhältnis zwischen Bienen und Blüten ganz gut. Darüber hinaus ist eine vielfältige Natur in der Stadt auch für die Umweltbildung wichtig: Denn in einer „grauen“ Stadt mit wenig Tieren und Pflanzen ist es schwer, nachkommende Generationen für Umwelt- und Naturschutz zu sensibilisieren. Und vor allem, Grün sorgt für Lebensqualität, verbessert das Mikroklima und gibt einer Stadt ein Gesicht. Was wäre München ohne den Englischen Garten, London ohne den Hyde Park und New York ohne Central Park?

Welche Rolle spielt dabei das Stadtgrün?

Till-David Schade: Da gibt es eine ganze Reihe von positiven Effekten: Bäume und Sträucher säubern die Luft von Feinstaub und binden Kohlenstoff, produzieren auf der anderen Seite selbst Sauerstoff. Stadtgrün mindert Lärm und ist für das Mikroklima in der Stadt bedeutsam, indem es bei heißen Tagen für Abkühlung sorgt und Regen im Boden versickern lässt. So tragen Parks und Grünanlagen zur Gesundheit und Erholung der Menschen bei. Dort, wo die öffentlichen Räume grün sind, da sind Menschen gerne. 

Wie wichtig sind dabei kleinere Grünstrukturen wie Dach- oder Fassadenbegrünungen?

Till-David Schade: Sie sind eine sinnvolle Ergänzung zum sonstigen Stadtgrün, da dadurch zusätzliche Flächen genutzt werden. Dach- und Fassadengrün gleichen außerdem das Klima in den Gebäuden aus: Sie kühlen im Sommer und dämmen im Winter. Für viele Tiere und Pflanzen bieten sie auch neue Lebensräume. 

Immer wieder ist zu lesen, dass die Artenvielfalt in Deutschland zurückgeht. 
Gleichzeitig ist die Biodiversität in vielen Städten höher als auf dem Land. Wie passt das zusammen?


Till-David Schade: Das ist eine Entwicklung, die in den 1990er Jahren mit der Intensivierung der Landwirtschaft einsetzte: Durch enge Fruchtfolgen und großflächige Monokulturen gehen die Lebensräume agrargebundener Arten verloren, wertvolle Randstrukturen wie Feldränder werden zerstört. Der hohe Pestizideinsatz führt zu einer Verarmung vor allem von Ackerwildkräutern und Insekten. Dadurch leiden zunehmend auch viele Vögel. Hinzu kommt, dass durch den Straßenbau Lebensräume zerschnitten werden. Tiere können so nicht mehr wandern und sich untereinander fortpflanzen. Städte auf der anderen Seite haben vielfältige Lebensräume und weisen einen geringeren Einsatz von Pestiziden auf, sodass die Biodiversität in Städten oftmals höher ist als auf dem Land.

Wie können wir die Artenvielfalt in der Stadt erhöhen? 

Till-David Schade: Zunächst sollte die Pflege von Stadtgrün auf die Zyklen der Natur achten. Je nach Nutzungsdruck durch die Bevölkerung sind Parks und Freianlagen mal intensiv, mal extensiver zu pflegen und ist bereits bei der Planung auf eine standortgerechte, vielfältige Vegetation zu achten. Wichtig ist auch, dass wir auf den Einsatz von Pestiziden in der Stadt verzichten.

Gibt es Wege, dafür die Akzeptanz in der Bevölkerung zu gewinnen?

Henry Wilke: Pflegemaßnahmen sollten den Menschen erklärt werden. Das geht zum Beispiel mit Schautafeln, die den Sinn und die ökologischen Zusammenhänge erläutern. So könnte dort geschrieben stehen: „Hier brütet die Vogelfamilie xy“ oder „Hier wächst die seltene Pflanze xy“. Kommunen können außerdem die Bevölkerung stärker in die Planung, Umsetzung und Pflege der Maßnahmen einbinden. Auch das erhöht die Akzeptanz und das Verantwortungsgefühl der Menschen. Hinzukommt, dass gepflegte Parkanlagen weniger Vandalismus nach sich ziehen. Bürger halten sich gerne in Parks auf, wenn diese zum Schlendern, Spaß haben oder Chillen einladen.

In welcher Stadt funktioniert das bereits heute?

Henry Wilke: Auf der Internetseite von Kommbio sind eine Vielzahl an Städten aufgelistet, die sich der Förderung der Biodiversität angenommen haben. Beispielsweise hat der NABU-Rotenburg ein Projekt mit der Samtgemeinde Bothel durchgeführt. Es ging darum, gemeinsam mit den Bürgern die Dörfer natürlicher zu gestalten. Die Palette reichte von kleinen Parks über Straßengrün über Hecken, Streuobstwiesen und Bauerngärten bis hin zur Friedhofsgestaltung.


Henry Wilke ist Referent für Siedlungsentwicklung,Till-David Schade ist Referent für Biologische Vielfalt beim NABU e. V.

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